Rechtfertigung

„Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus.“ (Römer 5,1)

Die grundlegendste Frage in der Religion und in der Theologie ist diese: Wie können Sünder zu einer rechten Beziehung mit dem heiligen Gott kommen? Denn wir haben in den letzten Artikeln dieses Magazins deutlich gelernt, dass Gott ein heiliger und gerechter Gott ist. Dass der Mensch zwar sündlos und im Bilde Gottes geschaffen wurde, aber von diesem heiligen Stand gefallen ist, und nun aufgrund seiner Sünde schuldig ist vor Gott. In einem der letzten Artikel konnten wir sehen, dass Gott in Jesus Christus einen Heilsweg geschaffen hat, um den Menschen zu erretten. Durch den aktiven Gehorsam Jesu, indem er das Gesetz Gottes perfekt hielt, und durch seinen passiven Gehorsam, indem er die Strafe der Sünde trug, die das Gesetz fordert, besänftigte Christus den Zorn Gottes. Doch wie genau kann dieses vollbrachte Erlösungswerk von Jesus Christus, einen Sünder nun in eine rechte Beziehung mit dem heiligen Gott bringen? Genau auf diese so entscheidende Frage wollen wir in diesem Artikel eingehen, indem wir uns über das Thema der Rechtfertigung Gedanken machen wollen. Dabei wollen wir den Begriff Rechtfertigung zunächst definieren, und anschließend vier wesentliche Aspekte der Rechtfertigung näher betrachten.

Der Begriff „Rechtfertigung“ bedeutet: eine Person für gerecht/unschuldig erklären. Es ist also ein Begriff aus dem Rechtswesen der uns erklärt, wie sich die Stellung einer Person verändert. Wenn ein Angeklagter vor Gericht als gerecht erklärt wird, verändert diese Person sich nicht in ihrem Wesen, sondern in ihrer Stellung. Sie ist laut dem Gesetz nicht mehr schuldig, sondern schuldlos, also gerecht. Genau diese Bedeutung hat dieser Begriff auch in der Theologie. Wenn Gott als Richter, den Sünder rechtfertigt, verändert sich der Sünder nicht in seinem Wesen, sondern in seiner Stellung. Er ist nun nicht mehr schuldig vor Gott, sondern unschuldig. Und genau hier kommen wir zu dem größten Problem in der Theologie: Wie kann ein heiliger und gerechter Gott, einem Sünder einfach seine Sünden vergeben? Wie kann Gott, der gerechte Richter der ganzen Erde schuldige und angeklagte Sünder einfach als schuldlos erklären? Die Bibel selbst lehrt uns in Sprüche 17,15: „Wer den Gottlosen rechtfertigt und wer den Gerechten verurteilt, sie alle beide sind dem HERRN ein Gräuel.“ Wenn Gott es verabscheut, wenn man Gottlose Sünder rechtfertigt, wie kann er selber dann Gottlose Sünder rechtfertigen? Die Antwort lautet, indem Gott dem Sünder eine fremde Gerechtigkeit anrechnet, eine Gerechtigkeit die außerhalb von ihm ist. Nämlich die Gerechtigkeit von Jesus Christus.

Christus hat durch seinen aktiven Gehorsam in seinem Leben, und durch seinen passiven Gehorsam in seinem Tod, eine vollkommene Gerechtigkeit erwirkt. Und diese vollkommene Gerechtigkeit von seinem Sohn Jesus Christus, nimmt Gott der Vater nun und überträgt sie dem Sünder der glaubt. Und dadurch versetzt Gott den Sünder nun von der Stellung eines Sünders, in die Stellung einer Unschuldigen, eines Gerechten. Er sieht den Sünder nun nicht mehr als Sünder an, sondern als jemand, der das ganze Gesetz Gottes gehalten hat. Genau diese Wahrheit bringt Paulus auf den Punkt, wenn er in 2. Kor 5,21 sagt: „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“ Wir können also sagen: Bei der Rechtfertigung überträgt Gott das sündlose Leben von Jesus Christus auf den Sünder, wodurch der Sünder vor Gott als gerecht und sündlos erklärt wird.

Diese Lehre ist der Kern des Evangeliums. Und wie diese Rechtfertigung dem Sünder nun übertragen wird, und welche Segnungen in der Rechtfertigung enthalten sind, wollen wir nun betrachten. Hierbei will ich auf vier wesentliche Aspekte der Rechtfertigung eingehen.

1. Das Mittel der Rechtfertigung

Durch welches Mittel, auf welche Weise wird uns die Rechtfertigung übertragen? Durch den Glauben an Jesus Christus allein. Diese Tatsache wird uns sowohl im AT wie auch im NT unmissverständlich gelehrt. Insbesondere der Römerbrief: „Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin offenbart aus Glauben zu Glauben, wie geschrieben steht: „Der Gerechte aber wird aus Glauben leben.“ (Römer 1,7) „Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus gegen alle und auf alle, die glauben.“ (Römer 3,22) „Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus.“ (Römer 5,1) Wenn eine Lehre unmissverständlich gelehrt werden muss, dann ist es diese, dass das Mittel wodurch wir mit Gott in eine rechte Beziehung gerückt werden können der Glaube ist.

Wir sind in der letzten Ausgabe dieses Magazins bereits auf den Glauben eingegangen. Doch da dieser Punkt so wichtig ist, wollen wir hier nochmals gesondert darauf eingehen. Paulus lehrt in Epheser 2,8 deutlich, dass der Glaube eine Gabe Gottes ist, wenn er sagt: „Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es.“ Gott ist es also, der den Glauben der den Sünder rechtfertigt, schenken muss.

Doch wie sieht so ein Glaube aus? John MacArthur definiert den Glauben folgendermaßen: „Daher umfasst rettender Glaube sowohl Verstand, Gefühl und Willen.“1 MacArthur nennt hier drei Dinge die den Glauben umfassen, den Verstand, die Gefühle und den Willen.

Mit dem Verstand erkenne ich die Wahrheit des Evangeliums. Mit meinen Gefühlen, also mit meinem Herzen stimme ich dem zu, was ich mit meinem Verstand erkannt habe. Und mit meinem Willen vertraue ich voll und ganz dem, was ich verstanden und empfunden habe. In dem Augenblick wo Gott einem Sünder diesen Glauben schenkt, und ein Sünder mit seinem Verstand das Evangelium begriffen hat, mit seinem Herzen und seinem Willen Zustimmung dafür findet, und sein ganzes Vertrauen auf das vollbrachte Werk von Jesus Christus setzt, überträgt Gott dem Sünder die Gerechtigkeit von Jesus Christus.

Nun worin drückt sich diese Gerechtigkeit aus, oder was genau empfängt der Sünder in der Gerechtigkeit, die er durch den Glauben empfängt? Das führt uns zum zweiten Aspekt der Rechtfertigung:

2. Die Auswirkung der Rechtfertigung

Die Auswirkungen der Rechtfertigung sind zum einen die Vergebung der Sünden und zum anderen die Verheißung des ewigen Lebens.

Die Vergebung der Sünden

In Apg. 13,38-39 wird der Zusammenhang der Vergebung der Sünden und der Gerechtigkeit aus Glauben wunderbar aufgezeigt. Hier predigt Paulus in eine Synagoge in Antiochien zu Juden und sagt ihnen: „So sei es euch nun kund, Brüder, dass durch diesen euch Vergebung der Sünden verkündigt wird; und von allem, wovon ihr durch das Gesetz Moses nicht gerechtfertigt werden konntet, wird durch diesen jeder Glaubende gerechtfertigt.“ In Jesus Christus haben wir Vergebung der Sünden, und zwar indem wir durch den Glauben an ihn gerechtfertigt werden. Indem Gott uns durch den Glauben an Jesus Christus rechtfertigt, rechnet er uns unsere Schuld nicht mehr zu.

Obwohl wir uns in unserem Wesen nicht verändert haben, wir sind immer noch Sünder, haben wir uns in unserer Stellung verändert, wir sind sündlos vor Gott. Gott vergibt uns unsere Sünden und behandelt uns nicht mehr als Sünder, sondern als Gerechte. Vergebung der Sünden bedeutet, nicht mehr unter dem Zorn Gottes zu stehen. Vergebung der Sünden bedeutet, nicht mehr unter das Gericht Gottes zu kommen. Es bedeutet, nicht mehr in Feindschaft, sondern in Frieden mit Gott zu leben. Es bedeutet, befreit zu sein von Schuldgefühlen die einen belasten und depressiv machen. Und das ist wohl eine der größten Segnungen der Rechtfertigung. Wir stehen wieder in einem guten, versöhnten Verhältnis mit Gott.

Die Verheißung des ewigen Lebens

Es heißt in Titus 3,7: „damit wir, gerechtfertigt durch seine Gnade, Erben würden nach der Hoffnung des ewigen Lebens.“ Indem Gott uns also rechtfertigt, vergibt er uns unsere Sünden, versetzt uns in die Stellung von Gerechten und macht uns gleichzeitig zu Erben des ewigen Lebens.

Das ewige Leben hat sowohl einen gegenwärtigen wie auch einen zukünftigen Aspekt. Auf der einen Seite empfängt jeder der gerechtfertigt wird, jetzt schon das Ewige Leben, was sich auf die Qualität des Lebens bezieht. Es ist ein neues Leben, das darin besteht Gott und Jesus Christus immer mehr zu erkennen und nach dem Willen Gottes zu leben. Gleichzeitig besteht das ewige Leben auch in einem zukünftigen Aspekt. Der Gläubige wird, nachdem er von den Toten auferweckt oder von Jesus zu sich geholt wurde, in sein ewiges Reich eingehen. Dort wird er in alle Ewigkeit mit ihm leben. Er wird einen neuen Leib ohne Sünde empfangen, und deshalb in alle Ewigkeit in dem neuen Himmel und der neuen Erde gemeinsam mit Christus leben.

All das ist in der Rechtfertigung beinhaltet. Nachdem wir gesehen haben, durch welches Mittel wir die Gerechtigkeit empfangen und was genau wir in der Rechtfertigung empfangen, wollen wir zum dritten Aspekt kommen:

3. Die Zurechnung der Rechtfertigung

Die Zurechnung der Rechtfertigung unterscheidet sich von dem Mittel der Rechtfertigung. Das Mittel wie wir Gerechtfertigt werden, ist der Glaube, doch die Zurechnung wie wir diese Gerechtigkeit empfangen, geschieht durch Gnade. Das heißt, diese Rechtfertigung wird nicht aufgrund irgendwelcher Werke gewährt, die wir getan haben, sondern unverdient, aus Gnade. Und das ist wichtig zu betonen. Denn auch wenn der Glaube das Mittel ist, durch das wir gerechtfertigt werden, werden wir nicht durch einen Akt oder durch ein Werk unsererseits gerechtfertigt. Sondern durch einen Akt der freien Gnade, die Gott uns schenkt.

Gott schenkt uns den Glauben aus freier Gnade, und indem Gott uns den Glauben schenkt, rechtfertigt er uns. Auch diese Wahrheit wird im Römerbrief wunderbar verdeutlicht, wenn Paulus in 3,23-24 sagt: „denn alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“

Jemandem gnädig zu sein bedeutet, jemandem etwas zu geben was er eigentlich nicht verdient hat. Wir sind schuldig vor Gott und haben sein Gericht verdient. Aber weil Gott gnädig ist, spricht er uns frei von unserer Schuld und versetzt uns in die Stellung von Gerechten, obwohl wir es nicht verdient haben. Es lag nicht an irgendetwas das wir getan hätten, oder irgendetwas Gutes das in uns wäre. Auch diesen Gedanken zerschlägt Paulus, wenn er in Epheser 2,8-9 sagt: „Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme.“

Hier kommen wir zu dem Kern der Rechtfertigungslehre, wo wir uns von allen anderen Religionen und von der katholischen und arminianischen Lehre unterscheiden.

Denn sie alle lehren, dass wir unsere Errettung oder Rechtfertigung auf irgendeine Weise erarbeiten oder verdienen können. Doch da die Bibel unmissverständlich klar macht, dass der Mensch nichts zu seiner Errettung beiträgt, und Gott den Sünder umsonst rechtfertigt, müssen all diese Lehren als Irrlehren abgetan werden.

Somit geschieht die Zurechnung der Rechtfertigung allein aus Gnade durch Gott. Der Mensch ist absolut passiv bei diesem Akt. Wir haben also gesehen, es ist der Glaube der uns rechtfertigt. Dadurch empfangen wir Vergebung unserer Sünden und ewiges Leben. Und all das ist ein freies Geschenk der Gnade Gottes. Und nun wollen wir abschließend noch das Ergebnis der Rechtfertigung betrachten:

4. Das Ergebnis der Rechtfertigung

Das Ergebnis dieser Rechtfertigung besteht darin, dass wir mit Gott, mit dem wir zuvor im Krieg standen, nun Versöhnt wurden und Frieden mit ihm haben. Dieses wiederhergestellte Verhältnis ist wohl das größte Glück, das ein Mensch erfahren kann.

Römer 5,1 bringt es auf den Punkt, wo es heißt: „Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus.“ Dieses Wort „Frieden“ das Paulus hier verwendet, bezieht sich nicht in erster Linie auf den Gemütszustand eines Menschen. Sondern auf das Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Denn die Bibel erklärt unmissverständlich, dass jeder Mensch in Feindschaft zu Gott lebt. Und dass deshalb der Zorn Gottes auf dem Menschen liegt. Es herrscht also Unfrieden zwischen Gott und dem Sünder.

Doch durch Jesus Christus kann der Sünder Frieden mit Gott erleben. Durch den Glauben an ihn, und die Gerechtigkeit die der Sünder dadurch empfängt, wird dieses gestörte Verhältnis zu Gott geklärt. Es herrscht nun nicht mehr Feindschaft, sondern Frieden zwischen Gott und Mensch. Gott ist uns nicht mehr feindlich gesinnt, sondern friedlich. Unsere Seele hat nun endlich den Frieden, den sie so lange in sündigen Dingen gesucht hat. Nun lastet nicht mehr der Zorn Gottes auf uns, sondern Gottes Wohlgefallen.

Und dieses wiederhergestellte Verhältnis wirkt sich dann auch auf den Gemütszustand des Menschen aus. Wir haben keine Furcht mehr, haben innere Ruhe und erfreuen uns an all den Segnungen die Gott uns in diesem Leben gibt. Wir erfreuen uns aber auch an all den Verheißungen, die uns die Zukunft versprechen. Da wir nun unter dem Wohlgefallen und der Freundlichkeit Gottes stehen, und er uns ansieht, als wären wir sein Sohn, garantiert er uns jeden Segen für Zeit und Ewigkeit.

Ein Artikel von Richard Friesen
Pastor der EBC Waiblingen


  1. Biblische Lehre S.789 ↩︎